Die Ordnung jüdischer Familiennamen

Die Klassifikation deutscher Familiennamen ist für den jüdischen und den christlichen Namenbestand weitgehend gleich.

Herkunftnamen

Umfangreich ist die Gruppe der Herkunftnamen, also Namen von Orten oder Ländern, aus denen der Namensträger oder seine Familie stammt. Sie bieten interessante Hinweise auf die Zuwanderungen zu einer Gemeinde. Namen, die in heute polnische, tschechische, ukrainische u.a. Gebiete weisen, spiegeln oft die wechselnden Vertreibungen deutscher Juden nach Osten und umgekehrt wider. „Weiße Flecken“ auf der Landkarte der Herkunftnamen können auf Städte oder Länder hinweisen, aus denen Juden bereits frühzeitig, das heißt vor der Bildung entsprechender Namen, vertrieben worden waren. Eine Untergruppe der Herkunftnamen sind Namen, die auf die Namen von Häusern in größeren Städten zurückgehen. Sie verweisen auf die sogenannten Hausschilder, die vor der Entwicklung von Straßennamen und Hausnummern Häuser kennzeichneten. Häusernamen sind heute vor allem noch als Namen von Gaststätten in Gebrauch. Für diese Namen gilt wie für die meisten Herkunftnamen, dass sie nicht zwingend mit einem bestimmten Ort zu verbinden sind; es gibt sogar nicht selten Phantasiebildungen, die wie Herkunftnamen gestaltet sind, und auch Namen, die aus Verehrung berühmter Familien oder allein wegen ihres schönen Klanges angenommen wurden.

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Literaturtipp:
A Dictionary of Jewish Names and their History, Benzion C. Kaganoff

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Genealogische Namen

Die genealogischen Namen teilen sich in Stammes- und Vater- bzw. Mutternamen. Zu den Stammesnamen gehören „Kohen/Cohen“ und „Levi“, die Namen des Priestergeschlechts und der Leviten. Die aus ihnen gebildeten deutschen Familiennamen weisen einige Besonderheiten auf. Kohen wird neben den bereits genannten Übertragungen auch zu „Kaplan“ oder „Sacerdot“ – für „Priester“. Die Abkürzung „K’’Z“, „Kohen Zedek/Priester der Gerechtigkeit“, führt zu „Katz“ als Nachname. „Levi“ führt zu dem deutschen Gleichklangnamen „Löw“ und von diesem ausgehend zu den Phantasiebildungen „Löwengart“, „Löwenstein“ und ähnlichen; es ergeben sich Verwechslungsmöglichkeiten mit „Juda“ (s. o., nach Gen 49). Die Abkürzung „SG’’L“, „Segan Levijah/Anführer der Levitenschaft“, ergibt den Namen „Segal“, der im englischen Sprachraum oft zu „Seagull“ („Möwe“) wird. Vater- oder Mutternamen stehen in der Tradition der biblischen Kombinationsnamen, z. B. „Avraham ben Meir“. „Ben“, „Sohn des“, führt zu genetivischen Bildungen mit den Endungen „-i“, „-s“, „-son“, „-ski“ oder „-owicz/-owitsch“, z. B. Mendelssohn oder Abrahamowitsch. Auf diesem Weg werden auch unveränderte Rufnamen zu Familiennamen.

Berufsbezeichnungen

Auch Berufsbezeichnungen fließen in die Familiennamenbildung ein. Die Berufsnamen haben neben den Herkunftnamen wohl die größten Überschneidungen mit den Namen der christlichen Bevölkerung. Allerdings zeigen Lücken und Häufungen im Namensbestand auch hier – wie bei den Herkunftnamen – oft, welche Berufe von Juden ausgeübt werden konnten und welche nicht.

Eigenschaftsnamen und Spitznamen

Eigenschaftsnamen und Spitznamen bezeichneten wohl einmal besondere Eigenschaften ihrer Träger, sind in den meisten Fällen aber wahrscheinlich Wunsch- oder Willkürnamen, also Namen, die Juden wählten oder willkürlich erhielten, als sie Familiennahmen annehmen mussten.

Selbstverständlich ist diese Klassifizierung kein starres Schema. Stammt z. B. der Name „Maier“ von der deutschen Berufsbezeichnung, vom hebräischen Rufnamen „Meir“ oder vom lateinischen „maior“, ist er also ein Berufs-, Vater- oder Eigenschaftsname? Diese Frage ist nur im Einzelfall zu beantworten und bleibt nicht selten offen.

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