Die Entstehung jüdischer Familiennamen

Im Judentum zur Zeit von Bibel und Talmud waren Familiennamen im heutigen Sinn – das heißt als Beiname, der von Generation zu Generation weitervererbt wird – unbekannt. Zuerst scheint ein Name genügt zu haben: Avraham oder Jizchaq, Sara oder Rivqa. Vermutlich war die Gefahr der Verwechslung irgendwann zu groß geworden, so dass man dem eigenen Namen den des Vaters hinzuzufügte, z. B.  (Jehoschua bin Nun/Josua, Sohn des Nun, vgl. Num 11,28). Dieses Namens-Schema blieb auch nach der Entstehung deutscher jüdischer Familiennamen erhalten und wird heute als „heiliger“ Name geführt, mit dem man z. B. zur Toralesung in der Synagoge aufgerufen wird. Auch Orts- oder Ländernamen treten als Beinamen auf, so z. B. (Elia Hatischbi/Elia, der Tischbiter, 2. Kön 1,3). Die Zeit des Talmud kennt schließlich auch Berufsbezeichnungen oder Eigenschaftswörter als Ergänzung des Rufnamens.

Um das elfte Jahrhundert nach Christus waren einzelne jüdische Gemeinden in den Metropolen so groß, dass die aus der biblisch-talmudischen Tradition übernommenen Kombinationsnamen keine Eindeutigkeit mehr gewährleisten konnten. So nahmen Juden vor allem in den Großstädten Südeuropas erstmals erbliche Familiennamen an und folgten damit einer allgemeinen Tendenz ihrer Zeit. Dennoch: Je weiter im Norden und Osten gelegen, je ländlicher die Gemeinden waren, desto später setzten sich Familiennamen durch.

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Literaturtipp:
A Dictionary of Jewish Names and their History, Benzion C. Kaganoff

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Vielerorts kam es erst im Zeitalter der Aufklärung dazu, als der jüdischen Bevölkerung die Annahme von Familiennamen nach und nach gesetzlich vorgeschrieben wurde. Diese Verpflichtung steht im Zusammenhang mit der rechtlichen Gleichstellung der Juden gegenüber der christlichen Bevölkerung. Die „Judenemanzipation“ hob die antiken und mittelalterlichen Benachteiligungen und Repressionen der Juden wenigstens offiziell auf. Die jüdische Bevölkerung teilte von nun an die Rechte und Pflichten aller Untertanen, wenigstens formal. Eine gesellschaftliche Emanzipation war dabei jedoch mehr in Kauf genommen als beabsichtigt; in erster Linie ging es den absolutistischen Herrschern darum, eine möglichst große Zahl an Untertanen zu einem möglichst hohen Beitrag am Wohl des Staates zu befähigen und zu verpflichten. Auch das „Toleranzedikt“ Kaiser Josephs II von 1782 steht im Zusammenhang des „Josephinismus“, der Unterordnung aller gesellschaftlichen und damit auch religiöisen Angelegenheiten unter die staatliche Verwaltung. Und ein Teil dieser Bestimmungen war, dass für die Juden im habsburgischen Machtbereich deutsche, erbliche Familiennamen verpflichtend wurden.

Bald folgten entsprechende Regelungen in den meisten europäischen Staaten. Das bis dahin bestehende Namensystem der Juden war hinderlich für die Verwaltung, zu undifferenziert und vor allem zu unverständlich waren die hebräischen Kombinationsnamen für die deutschsprechenden Beamten. Joseph II ging sogar so weit, die hebräische Schrift überhaupt „in allen öffentlichen, in- und außergerichtlichen Handlungen“ zu verbieten. Dabei hatte die Integration durch Verwaltung aber durchaus ihre Grenzen, so dass man Juden in vielen Ländern nur solche Namen gestattete, die schon zuvor „eindeutig jüdisch“ waren. Hier liegt eine Wurzel des latent inquisitorischen Zugangs zu jüdischer Namenkunde, der als Pseudowissenschaft Teil der Shoah geworden ist und leider bis heute eine gewisse Massenwirksamkeit behauptet. Tiefpunkt dieser Entwicklung sind das nationalsozialistische Namensänderungsrecht, das für Juden zulässige und unzulässige Namen bestimmte.

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2 Kommentare

  1. Anne Barbe-Freund

    Mein Mädchenname ist „Barbe“. Auch bestand wohl mein Vater bei meiner Geburt (1961) auf den 3. Vornamen „Rosemarie“. Kann es sein, das der Name jüdischen Ursprungs ist?

  2. ilo bossmann

    mein mädchenname ist „kiehne“ und ich frage mich, ob er und ich jüdischen ursprung haben. in meiner familie wurde über dinge der vergangenheit nicht gesprochen und jede nachfrage wurde energisch abgelehnt.

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